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Thomas Keller

Kreidefelsen auf Rügen, gemalt von Caspar David Friedrich 1818/19.

Thomas Keller - Caspar, Splitter
 

Das Bild hängt in der Stiftung Oskar Reinhart in Winterthur (Schweiz), inmitten des bürgerlichen Interieurs des Museums am Stadtgarten. Das für ein Landschaftsbild relativ kleine Hochformat (90 x 70 cm) ist umgeben von anderen Bildern Friedrichs, die der Winterthurer Industrielle in den Jahren 1930 bis 1934 angekauft hatte: Hafen bei Mondschein (1811) und Frau am Strand von Rügen (um 1818). Der Blick der Kamera ist zentriert auf die Bilder gerichtet, eine symmetrische Komposition aus der Totalen heraus. Es sind knarrende Schritte auf dem Parkett zu hören.

Der Auftakt zu Thomas Kellers Film Caspar, Splitter (2006) kündigt eine mehrfach gerahmte Bildgeschichte an. Das Bild Kreidefelsen auf Rügen ist eines der bedeutendsten Werke der deutschen Romantik und es fasst zentrale Fragen der Komposition, Landschaft, und der Disposition von Raumzonen (Vordergrund, Hintergrund, Tiefe, Abgründe). Man hat oft gerätselt, welche Felsen auf diesem Bild den Rahmen für diese dramatische Komposition abgeben - die Stubbenkammer mit dem Feuerregenfelsen oder auch die Wissower Klinken, die südlich der Stubbenkammer liegen. Es ist anzunehmen, dass Caspar David Friedrich mehrere Szenen von Rügener Naturstudien verbunden hat, die er 1818 von seiner Hochzeitsreise auf der Insel mitgebracht hatte.

 
     
 

Das Zusammensetzen von verschiedenen Ansichten zu einer Landschaft im künstlerischen Visier ist denn auch für Thomas Kellers Film Caspar, Splitter bestimmend. Er wirft - für einmal mit der Videokamera - verschiedene Blicke auf die norddeutsche Landschaft, die er bereits in seinen grossformatigen Fotografien erkundet hat. Die Leere und Weite dieses Landstrichs und seine Lichtverhältnisse faszinieren den Künstler seit Ende der 1990er Jahre, und so kehrt der in Berlin ansässige Schweizer immer wieder in die Gegend von Mecklenburg-Vorpommern. Ausgehend von dem Bild Kreidefelsen auf Rügen in Winterthur unternimmt der Künstler eine Reise in zwei Dutzend stehender Bildern, jedes für sich austariert und zentriert.

Die Reise beginnt in Vilmnitz auf Rügen. Der Kontrast zu Caspar David Friedrichs Kreidefelsen auf Rügen könnte nicht grösser sein. Eine abgefahrene Landstrasse durch das Dorf, vorbei an "Gittis Kleinmarkt". An der Fassade des unscheinbaren Geschäfts werben "Malboro"- und "Bild"-Schilder. Kontrast auch zwischen der angepriesenen wilden Freiheit des Cowboys auf seinem Pferd und der Leuchtschrift-Anzeige, die in wandernden Lettern Wurstspezialitäten und günstige Textilien anpreist. Zu sehen ist auch das Datum der Aufnahme: 21.12.2002 (es handelt sich um die erste Aufnahme in Thomas Kellers dreijährigem Filmprojekt). Bereits hier mischen sich unterschiedliche Raumzonen und Bildgründe. Das Beiläufige der Landstrasse wird durch vorbeifahrende Autos thematisiert, die das Film-Genre des "Road Movie" wachrufen.

Es ist Winter, als Thomas Keller seine Bildreise unternimmt. Die einzelnen Videosequenzen sind eine bis eineinhalb Minuten lang. Es geschieht wenig. Was sich ereignet, vollzieht sich in langsamen Bewegungen. Ein Frachtschiff, das langsam vorüber gleitet; eine Gruppe von Wild wandert im Schlosspark von Putbus ins Bild; Wellen, die stets von neuem an die steinige Küste rollen; ein Vogelzug am Strand von Zinnowitz quert das Blau des Meeres; die Propeller von Windkraftwerken drehen sich langsam; das Riesenrad neben der Kirche St. Marien in Stralsund steht still und setzt sich dann fast unmerklich in Bewegung. Zugvögel, die in langer Reihe nach Osten ziehen, aufgereiht wie auf eine Schnur. Als einmal ein Vogel in die Gegenrichtung fliegt, wirkt das bereits wie ein Slapstick.

Die Langsamkeit der Bewegung wird unterstrichen durch die Stille der Landschaft. Es liegt Schnee, die Himmel sind grau oder tiefblau in der hereinbrechenden Dämmerung. Wenn Handlungen in die fast stehenden Bildern eingelassen sind, so erhalten sie eine althergebrachte Symbolik. Menschen, die auf einem Feld Holz verbrennen. Ein Junge, der neben der Strasse in einer gefrorenen Lache Eis hackt und den herausgehauenen Block wie eine Trophäe hochhebt und dem Betrachter zeigt.

Ab und zu ist dieser verlangsamte Bildrhythmus von schnellen Bewegungen gestört: von im Vordergrund rasch durchrauschenden Autos, von Lichtreflexen der Camions, von einem plötzlich auftauchenden Radfahrer. Es sind die Spuren der städtischen Zivilisation, die in diesen ruralen Landschaften wie Fremdkörper wirken. Auch Architekturen können diesen Effekt der Befremdung erzeugen. Die halbfertige Autobahnbrücke nach Rügen, ein aufgegebenes Strandbeobachtungshäuschen in futuristischer Bauweise am Strand von Binz.

"Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus." Die erste Liedzeile von Franz Schuberts Liedzyklus zu den Gedichten von Wilhelm Müller aus dem Jahr 1827 scheint unmerklich mitzuklingen, auch wenn der Film allein Geräusche aus der Landschaft festhält: das Knacken der Äste im Feuer, das Geschrei der Vögel in den Bäumen, leises Knarren von Ästen, das Rattern eines Zuges.

Das Melancholische dieser Filmbilder zeigt sich im Eindruck der Erstarrung, im Moment der Trauer gar, in die sich ab und zu ein Gefühl von Erschrecken mischen.

 
     
 
Thomas Kellers Film Caspar, Splitter scheint vorerst eine Abstossbewegung vom Bild Caspar David Friedrichs Kreidefelsen auf Rügen und doch insgesamt eine Kreisbewegung auf das Bild zu, in deren Sog man ähnlich wie bei Friedrichs Gemälden auf ein Zentrum zusteuert. In vielen der stehenden Filmbilder klingen Elemente, Sujets, Farben und Stimmungen aus der Malerei Friedrichs an. Oft sind es die winzigen Details in diesen Landschaften, die an Caspar David Friedrich erinnern. Die kleinen Blätter, die durch den Himmel wirbeln, die Vögel, die am Horizont vorbeiziehen. Und natürlich auch die inszenierten Totalen jener Bildmotive, mit denen sich Thomas Keller deutlich auf Friedrich bezieht. Die Klosterruine bei Greifswald - das Sujet, das Friedrich u. a. für sein Gemälde Ruine Eldena im Riesengebirge (1830-34) verwendet hatte - wird in der Dämmerung mit herumflatternden Krähen gezeigt. Die Kirche von St. Marien in Stralsund; Friedrich hatte sich damals mit einem Projekt zu deren Innenrestaurierung beworben - und wurde abgelehnt (Karl Friedrich Schinkels Entwurf wurde berücksichtigt). Kiefern mit Sonne zeigt bei Prora einen Kiefernwald in der blassen Wintersonne, der sich leicht im Wind bewegt. Friedrichs Landschaft mit Eichen und Jäger (1811) erscheint in den Bäumen oberhalb der Stubbenkammer. Hafenszenen wie jene von Sassnitz, und zuletzt natürlich die Kreidefelsen, die bei Thomas Keller in zwei aneinander gefügten Totalaufnahmen zwei Ansichten des berühmten Motivs zeigen und darauf hinweisen, dass bereits Friedrich dieses Landschaftsbild aus verschiedenen Motiven kompiliert hat - das Bild Friedrichs entsteht nur noch im Kopfe des Betrachters, irgendwo zwischen diesen beiden Totalen. Thomas Keller
 
     
 

Neben den Anleihen aus der Geschichte des romantischen Landschaftsbildes übernimmt Thomas Keller bewusst Narrationselemente aus dem Film. James Bennings grossartige Landschaftserzählung "El Valley Centro" mit seinen verschiedenen Kapitel in der Länge einer 16mm-Spule haben Pate gestanden, so wie einzelne Lichtreflexe aus Kieslowskys "Double Vie de Véronique" zu stammen scheinen oder Landschaftsbilder aus Aleksandr Sokurows Filmen "Mariya" und "Russische Elegie". Es sind bezeichnenderweise Filmemacher, die das Erzählen einer Landschaft oder eines farblichen Phänomens mit einer rätselhaft einfachen Narration von wenigen Handlungen durchsetzen. Eine einzige Bewegung kann auch in Thomas Kellers langsamer Rhythmisierung so surreal wie eine Traumsequenz wirken, die nur von den Lidschlägen der schwarzen Zwischentitel unterbrochen wird, welche den Betrachter mit einigen wenigen Ortsangaben versehen, die jedoch bald ihre Bedeutung verlieren. Dies deshalb, weil die Positionierung der Kamera und die Montage ein Gefühl von Raum - der durch den Ton noch weiter geöffnet wird - und Zeit schafft, so dass die Betrachter von der flachen Geografie der Landschaften und der meditativen Abfolge der einzelnen "Tableaux" aufgesogen werden. Thomas Keller erschafft eine einfache, kraftvolle Poesie der minimalen Bewegung und des langsamen RhythmusÕ, wobei sich das Enorme der Landschaft häufig in einer einzigen Handlung, in einem einzigen Ton kristallisiert.

Sibylle Omlin ist Kunstwissenschaftlerin und Ausstellungskuratorin, sowie Autorin von mehreren Büchern, die sich mit dem Kunstschaffen in der Schweiz befassen. Seit 2010 leitet sie die Schweizer Kunsthochschule des Kanton Wallis in Sierre (ecav).

 
     
 
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